Danke an die Verfasser des Interviews.
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Die Anfänge des Sportkletterns in Südtirol - Interview mit Hans Peter Eisendle
Als es noch keine Kletterhalle in jedem größeren Dorf gab, und die 24 Volt Batteriebohrmaschine noch nicht erfunden war, mussten sich die Pioniere des Sportkletterns in Südtirol noch Stunden bzw. Tagelang mit Bohrmeisel und Hammer in der Wand abplagen, um eine Handvoll Bohrhaken zu setzten. Nicht zu verwundern ist es also, dass sich in den meisten klassischen Routen der ersten Stunde, nur dort Bohrhaken befinden wo es wirklich sein muss, um sich bei einem Sturz nicht ernsthaft zu verletzen.
Um mehr über die Geschichte des Sportkletterns in Südtirol zu erfahren habe ich mich mit einem der Pioniere der damaligen Zeit, dem Bergführer Hans Peter Eisendle unterhalten.
Wie und wo hat das Sportklettern in Südtirol begonnen?
Das Sportklettern war die logische Folge des Freikletterns. Freiklettern,- also das Klettern ohne künstliche Fortbewegungsmittel wurde in Europa (und in Südtirol) in den sechziger Jahren hauptsächlich von Reinhold Messner und seinesgleichen geprägt. Diese Art des fairen Kletterns fand hauptsächlich in Gebirgswänden statt und war durch die oft spärlich Absicherung mit hohen Risiken verbunden (siehe Mittelpfeiler am Heiligkreuzkofel). Meine Generation erkannte, dass die psychische Leistungsgrenze mit der pysischen nicht annähernd übereinstimmte, und begann somit an systematisch mit Bohrhaken abgesicherten, schnell erreichbaren Wänden zu „trainieren“. So entstanden Ende der siebziger- Anfang der achtziger Jahre die ersten Klettergärten in Südtirol, in denen über den 8. Grad hinaus geklettert wurde. Dabei stand jetzt die körperliche Leistungsgrenze im Vordergrund und nicht mehr das Abenteuer. Diese Art des Kletterns findet sich im Begriff Sportklettern wieder.
Wer waren die Leitfiguren? 
Leitfiguren des „Freikletterns“ waren Geschichtsfiguren wie Paul Preuß, dann G.B.Vinatzer aus Gröden und natürlich Reinhold Messner, um die Herausragendsten zu nennen. Den Übergang vom abenteuerlichen Freiklettern zum reinen „Sportklettern“ in den Dolomiten prägten Manolo, Mariacher, Schiestl.... alles hervorragende Alpinisten, die sich Ende der siebziger Jahre in ihre abgesicherten „Laboratorien“ zurück gezogen haben (Arco, Totoga, Nikolaustal), um in der Folge neuen Schwung in das alpine Klettern zu bringen (siehe Mariachers Moderne Zeiten an der Marmolada oder Manolos Super Matita am Sass Maor.) Auf Südtiroler Gebiet begrenzt waren die ersten Routen im 9. Grad und darüber hinaus (zwischen 1982-85) am Sprechensteinkofel in Sterzing , in der Folge an der Mahr in Brixen und im Nikolaustal/Fassatal. Die Lokals waren Santin, Gargitter, Pederiva, Eisendle.
Wer waren eure Vorbilder?
Mehr als Vorbilder gab es andere Szenen und Zentren, die weitab von alten Traditionen diesen neuen Weg in die Tat umsetzten. In erster Linie ist da Yosemite zu nennen, dessen Leistungsexplosion vor allem im südfranzösischen Verdon durch noch perfektere Absicherung (Bohrhaken statt Klemmkeile) weiter ausgebaut wurde. Für mich persönlich war mein erster Besuch dieser Kletterschlucht 1980 ein absoluter Aha-Moment. Hier wurde mir klar, dass der Weg durch zukünftige Gebirgswände nur über konsequentes Sportkletter-Training führen kann. Dabei schwebte mir nie die sogenannte Plaisire-Kletterroute im Gebirge vor, sondern das neue Können in einer wilden Dolomitenwand einzusetzen, wozu z.T. die alten, verpönten Techno-Routen herhalten mussten.
Wie haben die traditionellen Alpinisten auf die neue Entwicklung reagiert? 
Sehr unterschiedlich. Ich kam ja auch aus dem traditionellen Alpinismus und sehe mich noch heute in diesem eingebettet. Aber es gab auch jene, die Bohrhaken, Magnesia und glatte Reibungssohlen als den Untergang des „reinen“ Kletterns sahen. Zum einen war es ein Generationenkonflikt, zum anderen ein ideologischer innerhalb der neuen Generation. Aber binnen weniger Jahre mussten alle erkennen, dass mit den neu entwickelten Ausrüstungsgegenständen, neuen Erkenntnissen ehemalige Toprouten einfach leichter wurden und neue schwierigere Routen nur damit machbar waren. In dieser Zeit setzte auch die bis heute anhaltende Spezialisierung in verschiedene Bereiche des Kletterns ein. In der heutigen Entwicklung finde ich erwähnenswert, dass es bereits hervorragende Kletterer gibt, die noch kaum richtige Felsen berührt haben und von Gebirgswänden nicht einmal träumen. Das wäre nur vor einem Jahrzehnt undenkbar gewesen.
Welche Begehungen gehen auf diese Aufbruchszeit zurück?
Im Verdon war 1982 „Pichenibule“ mit 7b+, etwa 9- eine der schwersten Sportkletterrouten der Welt. Ein gutes Jahr später konnte ich und Hundert andere die Route bereits klettern. So schnell ging in dieser Aufbruchszeit die Entwicklung. 1984 gab es am Sprechensteinkofel in Sterzing und an der Mahr in Brixen bereits die ersten 7c- Routen, im reinen neunten Grad also (beides alte Klettergärten mit alpinistischer Tradition). Die Felsen um Arco und das Dschungelbuch bei Innbruck galten als Orientierungspunkte. Dort trafen sich die Besten und bald wurde klar, dass sich Spezialisten, die sich ausschließlich dem Sportklettern widmeten und keine alpinen Routen mehr kletterten, die neuen Maßstäbe im Schwierigkeitsklettern setzten. Andererseits gab es aber auch jene, die mit dem Können aus den Klettergärten in Gebirgswände aufbrachen und dort neue Maßstäbe im Abenteuerklettern setzten.
Wie siehst du die Entwicklung des Sportkletterns hin zum Trendsport?
Das muss man differenziert und kritisch betrachten. Aus klettersportlicher Sicht finde ich es konsequent und richtig, wenn man für Top-Performance beste Bedingungen sucht. Leicht erreichbare, gut abgesicherte Felsen oder ganztägig betreute Kletter- und Boulderhallen. Auch Klettershows und Wettbewerbe finde ich toll. Solche Infrastrukturen brauchen eine gewisse Menge von Aktiven und Freizeitsportlern, um erfolgreich und langfristig geführt werden zu können. In diesem Sinne ist es sehr erfreulich, das Klettern „salonfähig“ geworden ist.
Mit großer Ablehnung hingegen stehe ich jenem Trend gegenüber, der versucht alpine Wände, vor allem jene mit alpinistischer Tradition, von unten bis oben mit Bohrhaken und Abseilpisten zu versehen, um sie einer breiten Masse zugänglich zu machen. Darin sehe ich viel mehr die Zerstörung wichtiger Werte, die wir Menschen vor allem in den Gebirgen üben und finden können,- Eigenverantwortung, Selbstbestimmtheit, Ausgesetzheit, Ruhe und weitgehend unberührten Raum. Diese Werte einem Freizeitvergnügen für ein paar Stunden zu opfern ist für mich unverhältnismäßig, wenn man bedenkt wieviel Infrastruktur die Alpen bereits zu verkraften haben.
Welchen Stellenwert nimmt für dich heute das Sportklettern ein? 
Es ist nach wie vor die beste Möglichkeit mich körperlich und mental auf das vorzubereiten, was mich in alpinen Wänden erwartet. Nebenbei ist klettern die beste Konzentrationsübung, die ich in meinem Leben kenne. Der Kopf und das Herz werden vorübergehend von allen anderen Lasten befreit und der Körper gehorcht den Anforderungen des Felsens. Gutes Klettern ist leicht und lautlos! Daraus entsteht eine enorme Energie, die man zur Bewältigung der Aufgaben des Lebens gut gebrauchen kann.
Danke Hans Peter
Fotos. Archiv Eisendle






